
Lena Ditte Nissen
Tendenz Verzerrung
Das Video „Tendenz Verzerrung“ verbindet Kunst, Erinnerung und Recherche. In dieser Arbeit führt uns die Künstlerin und Filmemacherin Lena Ditte Nissen auf das Gelände des Samariterstifts Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Hier begannen 1940 die nationalsozialistischen Euthanasie-Morde. Innerhalb eines Jahres wurden mehr als 10.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet, darunter viele Kinder und Jugendliche. Eine inklusive Gruppe, die sich „Grafenschreck“ nennt, zeigt uns heute in einer performativen Führung den Ort und seine Gedenkpraktiken.
Nissens Film verbindet diese dokumentarischen Aufnahmen mit historischen Bildern aus einer Hebammenzeitschrift von 1940 – demselben Jahr, in dem die Morde begannen. Diese Säuglingsdarstellungen öffnen eine zweite Erzählebene: die Familiengeschichte der Künstlerin. Die Urgroßmutter von Lena Ditte Nissen war nämlich Reichshebammenführerin und Verantwortliche für die Zeitschrift, die sie als NS-Propaganda nutzte, ihr Großonkel war Reichsgesundheitsführer. Beide waren direkt in die Euthanasie-Morde verstrickt.
Mit sachlicher Präzision und einem für die zeitgenössische Kunst ungewöhnlich dokumentarischen Stil verwebt Nissen persönliche Verantwortung, kollektives Gedenken und historische Aufarbeitung. Sie nutzt dabei auch Material der Gedenkstätte selbst. So entsteht ein vielstimmiges Bild von Erinnerung, Täterschaft und der Frage, wie wir heute mit dieser Geschichte umgehen.